Krieg. Eine multiperspektivische Lesung
Natalia Wörner & Harald Welzer„Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“ Erich Maria Remarque
Der Krieg ist für Europa und Deutschland aus dem Raum einer Angelegenheit der Anderen in den eigenen Horizont zurückgekehrt.
Dabei fällt auf, dass politisch und medial nie über den Krieg als konkretes militärisches Geschehen und als ein disruptives soziales Geschehen gesprochen wird. Unscharf ist von „Fähigkeiten“ die Rede, von „Abschreckung“ und von einer Bedrohung „unserer Werte“, wobei auszusprechen vermieden wird, was Krieg ist: Zerstörung von menschlichen Körpern, Vernichtung der gegnerischen Kräfte, Landnahme. Drohnen und KI ändern überhaupt nichts daran, dass es das Ziel des Krieges ist, „dem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen“, wie Clausewitz sagt. Dieser wichtigste Denker des Krieges hat auch immer betont, dass der Krieg grundsätzlich ein Geschehen ist, das sich unvorhersehbar entwickelt. Kontrolle über Ziel und Ausgang eines Krieges ist eine Illusion.
Diese Lesung über den Krieg ist komponiert aus zwei gegensätzlichen Elementen: erstens der operativen Situation eines möglichen Krieges in Deutschland, die dadurch gekennzeichnet ist, dass das Land im Verteidigungsfall einerseits die zentrale „Drehscheibe“ für alle Aktionen der Nato ist, andererseits durch den gesetzlichen Notstand bestimmte Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger außer Kraft sind. Das heißt: Im Verteidigungsfall ist das Land von heute auf morgen ein anderes, und zwar ohne, dass überhaupt der erste Schuss gefallen ist oder die erste Drohne oder Rakete eingeschlagen ist. Solche Sachverhalte behandeln der Operationsplan Deutschland und die zahlreichen Pläne von Katastrophenschutz über Krankenhäuser bis hin zur kirchlichen Seelsorge. Gesprochen wird darüber aber nicht, wenn über Krieg gesprochen wird. Kontrastiv dazu werden zweitens literarische und biographische Zeugnisse der Erfahrungsgeschichte des Krieges gelesen. Die Beispiele entstammen verschiedenen historischen Epochen, weil die individuellen und sozialen Folgen des Krieges, Vernichtung, Zerstörung, Verlust, Traumata zu jeder Zeit angerichtet werden, also eine transhistorische Gestalt haben.
Beide Dimensionen bleiben ausgespart, wenn heute öffentlich von Krieg geredet wird. Im Sinn von Theodor W. Adorno ist das „uneigentliches Sprechen“, es klammert das Wirkliche aus.
In dieser Lesung geht es um die Wirklichkeit des Krieges.
Natalia Wörner gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands. Die gebürtige Schwäbin studierte an der Lee Strasberg School in New York und gleich ihr erster Film – unter der Regie von Sherry Hormann – trägt den passenden Titel „Frauen sind etwas Wunderbares“.
Natalia Wörner spielte bereits in über 80 Film- und Fernsehproduktionen mit, einem großen Publikum ist sie als beliebte Kommissarin Jana Winter in der Reihe „Unter anderen Umständen“ und als „Die Diplomatin“, Karla Lorenz, bekannt. Mit dem Film „Die Welt steht still“ berührt Natalia Wörner eine ganze Nation als Ärztin, die sich selbst mit Covid infiziert. Die Bundesverdienstkreuz-Trägerin zeigte in 2021 ihre erste selbst inszenierte Dokumentation „A Women’s Story“. Der Spielfilm „Die Macht der Frauen“ mit ihr in der Hauptrolle (Regie Lars Becker) war für den Deutschen FernsehKrimi-Preis 2023 nominiert.
Natalia Wörner steht für Female Empowerment und unterstützte u.a. #ICH WILL, eine Kampagne für die Frauenquote und hat während des ersten Lockdowns die Initiative gegen häusliche Gewalt #Sicherheim ins Leben gerufen. Sie ist deutsche Botschafterin bei „Liebe ohne Gewalt“, eine Kampagne von YSL Beauty, die die Aufmerksamkeit auf das Thema „Prävention gegen Gewalt in Partnerschaften“ lenkt.
Prof. Dr. Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe, Mitbegründer und Direktor von „FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit“. Er hat an vielen deutschen und internationalen Universitäten gelehrt und zahlreiche Bücher zu gesellschaftspolitischen Fragen und zur Nachhaltigkeit geschrieben, unter anderem „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“, „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“; „Nachruf auf mich selbst. Die Kultur des Aufhörens“, zuletzt erschienen ist „Das Haus der Gefühle“ (alle bei S.-Fischer). Daneben ist er Herausgeber von „tazFUTURZWEI“ – Magazin für Zukunft und Politik. Die Bücher von Harald Welzer sind in 22 Sprachen erschienen.
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© Debora Mittelstädt & Marcus Höhn